Bühne frei für die Video-Show oder Die Vorschau als Zusammenfassung

Konzertvorschau aus dem Jahr 1998 von Felix Aeppli

Dr. phil., Historiker, Filmexperte & Stonologe, CH-8055 Zürich

 

Der folgende Artikel von Felix Aeppli, dem Autor des 650-seitigen Werkkatalogs The Rolling Stones, 1962-1995: The Ultimate Guide (London, 1996), erschien am 25. Mai 1998 als Vorschau zum Frauenfelder Konzert der Rolling Stones im Zürcher Tages-Anzeiger, der größten Schweizer Zeitung. Da er grundsätzliche Aspekte der eben abgelaufenen Bridges To Babylon Tour beleuchtet, bringt Precious Stones den Text in voller Länge.

Wer ein Konzert der Rolling Stones besucht, erhält gleichzeitig Zugang zur Liveübertragung eben dieses Konzertes auf Grossleinwand. Je nach Standpunkt ein verdoppeltes oder aber gespaltenes Erlebnis.

Die riesigen Dimensionen und die unzulängliche Akustik machen Fussballstadien und Pferderennbahnen, wie hinreichend bekannt und beklagt, zu denkbar ungeeigneten Veranstaltungsorten für Rockkonzerte. Die Rolling Stones, die mit ihren Tourneen regelmässig Zuschauer- und Einnahmerekorde brechen, haben aus dieser Not schon früh eine Tugend gemacht. Bereits 1981, anlässlich der ersten Open-Air Tour der Band durch amerikanische Sportstadien, wurden an den Lautsprechertürmen links und rechts der Bühne Videobildschirme angebracht, um auch das Publikum in den oberen und hinteren Rängen an der Show teilhaben zu lassen. In den folgenden Tourneen entwickelten sich die optischen Beigaben der Show zunehmend zum eigenständigen Zirkusspektakel: Überdimensionierte aufblasbaren Figuren, die einmal Nutten, dann wieder Elvis oder Mutter Theresa darstellten, schoben sich vor Musiker und Musik, während feuerspeiende Stahlschlangen ihren Rauch über das Publikum im Innenraum spien. Über den Geschmack dieser Beigaben liess sich streiten, so etwa 1990 anlässlich der “Urban Jungle”-Tour, als Mick Jagger ausgerechnet während Street Fighting Man, der Hymne der 68er Strassenschlachten, mit einer roten Riesengabel auf einen Gummidrachen eindrosch.

Glücklicherweise sind dergleichen Showelemente für die laufende “Bridges to Babylon”-Welttournee zurückgestutzt worden. Zentraler Blickfang der Show ist nun ein Riesenmonitor, der fast die ganze Rückwand der Bühne ausfüllt und mit seiner ovalen Form entfernt an einen Fernsehbildschirm der 50er oder an die Bühne einer TV-Show der 60er Jahre erinnert. Hier, auf der lampenbekränzten Grossleinwand mit dem angeblich besten Bildauflösungsvermögen der Welt, konzentriert sich der ganze Konzertablauf, ausgehend vom Urknall, der die Bühne in gleissendes Licht taucht, aus dem dann zum opening Riff von (I Can’t Get No) Satisfaction Gitarrist Keith Richards im wadenlangen Leopoardenfellmantel auftaucht.

Sofern sie sich nicht an Sänger Mick Jagger halten, zaubern in der Folge 16 Kameraleute jedes erdenkliche Detail auf den Monitor, den gefühlvollen Schlagzeugeinsatz von Charlie Watts neben dem Minirock der Back-up Sängerin Lisa Fischer, die Zigarette in Ron Woods Gitarrenhals neben den Schweissperlen auf der Stirn des Saxophonisten Bobby Keys. Mehr noch: Die Live-Versionen der Klassiker aus den 60er Jahren, Let’s Spend The Night Together etwa, werden zu “verregneten” Schwarzweissfilmen verfremdet, während die neuesten Titel wie Anybody Seen My Baby im Stop-and-Go Verfahren dargestellt werden. Für einen weiteren Teil der Songs gelangen vorproduzierte Filmclips zum Einsatz, und natürlich dürfen auch die Gegenschnitte in den Zuschauerraum nicht fehlen, vorzugsweise auf die mittlerweile nicht mehr so jungen “girls in the front row”.

Mick Jagger, der Perfektionist und Workaholic, hat, zusammen mit dem Bühnendesigner Mark Fischer und dem gelernten Graphiker Charlie Watts, den Bühnenaufbau und den Ablauf der Show entworfen. Nichts wurde dabei dem Zufall überlassen: Geschickt wechseln harte Riffs mit melodiösen Balladen ab, und jedem Song wurde für die Bühnenausleuchtung eine bestimmte Farbe zugeordnet. Unter vielen anderen sind acht Lichtingenieure besorgt, ja keine Langeweile aufkommen zu lassen.

All dies führt natürlich zu einer gewissen Starrheit im Ablauf der Show, nicht unähnlich den Wiener Philharmonikern beim Neujahrskonzert: Bei diesen Dimensionen scheint es schlicht unmöglich, noch während des Konzerts die Titelliste umzustellen. Das heisst, pro Abend trifft es exakt 21 oder 22 Titel, vorgetragen in 125-130 Minuten. Der Anfang ist mit (I Can’t Get No) Satisfaction ebenso gesetzt wie die Nummer 10 mit Miss You oder der Schluss ist mit den Gassenhauern Honky Tonk Women, Start Me Up, Jumpin’ Jack Flash und Brown Sugar. Die Band, die für die Tournee in Toronto an die hundert Titel geprobt hat, verweist darauf, dass rund ein Drittel des jeweiligen Publikums, das sind pro Konzert immerhin zwanzig- bis dreissigtausend Personen, zum ersten Mal an einem Stones-Konzert dabei ist, ein Anrecht habe, diese Klassiker zu hören. Und spätestens, wenn diese Hymnen erklingen, ist denn auch regelmässig das ganze Stadion ausser sich, und grosszügig wird dabei übersehen, dass die Siebenminuten Fassung von Jumpin’ Jack Flash musikalisch schlicht eine Zumutung ist.

Der harte Kern der Eingeweihten hält sich demgegenüber an den Song Nummer 9 des Repertoires. Hier sind die Rolling Stones einmal mehr neue Wege gegangen, indem sie diesen Titel jeweils vom Publikum über Internet bestimmen lassen. Auf http://www.the-rolling-stones.com/cybervote/index.html stehen denn auch Perlen wie Factory Girl, Time Is On My Side oder She’s A Rainbow zur Auswahl. Selbstverständlich träumt der echte Stones-Fan unentwegt davon, die Stones einmal in einem intimen Rahmen auftreten zu sehen. Doch es muss nicht unbedingt ein Club sein, wie zu Beginn der laufenden Tour, als die Band für sieben Dollar Eintritt kurzfristig einen Auftritt in Chicago ansetzte. Ganz nebenbei beweisen die Stones nämlich an jedem beliebigen Stadionkonzert, dass sie die grösste Rockband der Welt sind. Ohne Firlefanz und Schnickschnack, lediglich unterstützt vom Bassisten Darryl Jones und dem Keyboarder Chuck Leavell, spielen die vier Ursteine auf einer nur 25 Quadratmeter kleinen Nebenbühne jeweils drei Titel, die allein den Besuch lohnen. Egal, ob in Frauenfeld das rotzige Little Queenie, das rockig-scheppernde Crazy Mama, das reggae-beeinflusste The Last Time, das melodiös-lüpfige Let It Bleed oder das ultra-rare I Just Want To Make Love To You zum Zuge kommen, mit den Songs 13-15 wird die Show ihren Höhepunkt erreichen.

 

Quelle: Precious Stones (Bautzen/Germany), Nr. 48, 12. Okt. 1998, S. 10f.

 

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The Ultimate Guide  von Felix Aeppli

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