«Er kennt die Stones wie seine Hosentasche»

Zeitschriften-Artikel von Catharina Fingerhuth aus dem Jahr 1995 über Felix Aeppli

Dr. phil., Historiker, Filmexperte & Stonologe, CH-8055 Zürich

 

Niemand auf der Welt weiss besser Bescheid über die Rockband: Ein Zürcher Historiker führt das «Köchelverzeichnis» der Rolling Stones.

Ludwig Ritter von Köchel verfasste 1862 das «Chronologisch-thematische Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amadeus Mozarts». Das Köchelverzeichnis ist seither das Standardwerk für Mozart-Fans.

Was Köchel für Mozart, ist Aeppli für die Rolling Stones: Seit bald zwei Jahrzehnten trägt Felix Aeppli, Historiker aus Zürich, die Tonwerke der Rolling Stones zusammen. Sein Verzeichnis «Heart of Stone. The Definitive Rolling Stones Discography 1962-1983» erschien vor zehn Jahren in den USA bei Pierian Press. Nächstes Frühjahr kommt die aktualisierte Neuauflage des 800seitigen Wälzers heraus. Das Standardwerk wird dereinst als Aeppliverzeichnis in die Geschichte der Rockmusik eingehen.

Es ist eine enorme Fleissarbeit für Aeppli, 46, der hauptberuflich als Erwachsenenbildner arbeitet. Nach Erscheinen der ersten Auflage hätte er denn auch beinahe alles hingeschmissen, weil es ihm zuviel wurde. Doch Sammler aus der ganzen Welt schickten ihm Stones-Platten. «Da bin ich wieder schwach geworden», sagt er. «Ich kann es nicht lassen, bevor alles vollständig ist.»

Rund 2'500 Einträge über ihre Platten, CDs, Filme und Videos hat der Zürcher Historiker mit Akribie zusammengetragen. Auslöser dieser Sammel leidenschaft ist nicht zuletzt das legendäre Stones-Konzert von 1967 im Zürcher Hallenstadion: Als Achtzehnjähriger erlebte er die britische Rockband dort erstmals live. Schlägereien und zertrümmerte Stühle gehörten in Zürich genauso dazu wie der Zigarettenqualm und das Gekreisch der Fans. Die Musik war Nebensache. «Man hat nichts gesehen und nicht so recht gehört, was sie gerade spielen», erinnert er sich.

Am kommenden Wochenende geht Felix Aeppli ans Rolling-Stones-Konzert nach Basel. Live hat er sie zuletzt 1990 in München gesehen, und eigentlich genügt ihm ein Konzert pro Jahrzehnt. Diesmal macht er eine Ausnahme, «weil es so nah liegt». Die Konzerte der ersten Jahre seien mit denen von heute nicht vergleichbar: «Früher haben die Stones kaum 25 Minuten gespielt, und heute grenzt die Zwei-Stunden-Show fast ans Sterile.»

In den sechziger Jahren gab es zwei Fraktionen: Entweder man schwärmte für die Beatles oder für die Rolling Stones. «Mir haben die Stones besser gefallen. Sie waren rauher und hatten durch den schwarzen Einfluss ein breiteres Spektrum», sagt Aeppli.

Von ihrer Musik ist er bis heute nicht losgekommen. Inzwischen hat er rund 1800 Stones-Scheiben. Der Kern seiner Sammlung besteht aus englischen und amerikanischen Originalausgaben von LPs, Singles und CDs. Aber auch Ausgaben aus Bulgarien, Südafrika oder anderen Ländern zieren seine Regale. Dazu kommen Soloarbeiten der einzelnen Bandmitglieder sowie Platten, auf denen die Stones oder einzelne von ihnen mit anderen Musikern spielen. Bis vor zehn Jahren sammelte Aeppli auch Bootlegs. Doch die illegalen Live-Aufnahmen wurden ihm zu teuer.

Schallplatten-Auktionen besucht Aeppli nicht, «weil das ruinös wäre». Statt dessen gibt er alle zwei Jahre eine Anzeige in der englischen Sammlerzeitschrift «Record Collector» auf, um an rare Platten heranzukommen. Für Neuerscheinungen hat er Kontakte in England und Amerika. Pro Jahr kauft oder tauscht Aeppli rund hundert Stones-Platten. Die meisten kosten höchstens 30 Franken.

Die teuerste LP, die er je gekauft hat, kostete rund 2000 Franken. Es ist eine Anpressung der ersten Stones-LP «The Rolling Stones», erschienen 1964, auf der das Stück «Tell me» in einer anderen Version zu hören ist als auf der später verkauften LP. «Die ist so rar, dass sie in keinem Katalog verzeichnet ist», freut sich Aeppli.

Eine andere Rarität hat Aeppli vor zwei Jahren erstanden. Es ist ein Exemplar der zweiten Stones-Single «Fortune Teller»/«Poison Ivy», die 1964 herauskommen sollte und sogar schon eine Decca-Katalognummer hatte. Die Platte wurde aber im letzten Moment zurückgezogen. Einige Exemplare waren schon gepresst, was erst viele Jahre später unter Sammlern bekannt wurde.

Die Gewissenhaftigkeit teilt der Historiker mit dem ehemaligen Stones-Bassisten Bill Wyman. Auch der ist ein Ordnungsfanatiker, bewahrt alles auf, womit er etwas dokumentieren kann: Selbst die Frauenbekanntschaften der Stones hat er einst registriert und archiviert. Auf eine Anfrage Aepplis zu seinen Soloalben schrieb Wyman ihm einen fünfseitigen Brief zurück, in dem er alle seine Werke peinlich genau aufführte.

«Seit Wyman bei den Rolling Stones ausgestiegen ist, bin ich vermutlich der einzige, der noch alles genau festhält», sagt Aeppli. Nicht ohne Hintergedanken: «Irgendwann werden die Stones auf mich zukommen.» Persönlich kennengelernt hat er den ehemaligen Stones-Pianisten Ian Stewart und den Exgitarristen Mick Taylor. Mick Jagger hat mal in Aepplis Buch geblättert, und Keith Richards hat ein Autogramm reingeschrieben.

Ein eingefleischter Stones-Fan ist Felix Aeppli trotz der Sammlerei nicht. In seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer hängen denn auch keine Posters der Band an den Wänden, sondern selbstgemalte Zeichnungen seiner Tochter Meret. Und Familienstammbäume, die er am Computer ausgetüftelt hat.

Aus seiner Stereoanlage erklingen bestenfalls Songs von Bob Dylan, «weil er die besseren Texte geschrieben hat». Oder Klavierkonzerte von Mozart, «weil der keine Texte hat». Von den Rolling Stones hört er sich höchstens einmal «etwas Obskures» an, etwa wenn einer von ihnen mit einem schwarzen Blues-Musiker zusammen spielt. Für alles andere ist der Reiz dahin. Bei der Arbeit am Stones-Buch hat er alle ihre Platten mehrmals gehört.

Sein Interesse an den Rolling Stones ist das eines Wissenschaftlers. Die Begeisterung für die Band hat sich gelegt. Geblieben ist die Sammelwut. Für ihre Frauengeschichten und Skandale interessierte er sich nie. «Ich habe manches Mal gedacht: Das ist nicht meine Welt», sagt Aeppli. Eines hält er der Band trotzdem zugute: «Sehr viele Ehen werden heute geschieden, aber die Stones sind seit über dreissig Jahren zusammen, und das unter dem permanenten Druck, produktiv sein zu müssen.»

Aeppli ist ein häuslicher Mensch. In der Familiensiedlung in Zürich zählt er trotzdem zu den Exoten, weil er sich die Erziehung der Kinder mit seiner Frau teilt: Drei Tage pro Woche unterrichtet er an der Zürcher Berufsschule für Erwachsenenbildung, gibt dort Kurse in politischer Bildung und Zeitdokumentation. Seine Frau arbeitet an den anderen Tagen als Juristin. «Das wäre das Letzte, was ich ändern würde», sagt Felix Aeppli und liefert einen plausiblen Grund: «Hätte ich nur Kinder um mich oder würde ich nur arbeiten, würde ich wahnsinnig dabei.»

Der Experte für Sozial- und Geistesgeschichte hat noch eine Leidenschaft: Den Schweizer Film. Das Medium ist für ihn - wie die Rolling Stones - vor allem «eine unvergleichliche Quelle zur Zeitgeschichte». Alle vier Semester leitet er ein Proseminar am filmwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich. Auch über den Schweizer Film hat er ein Buch verfasst.

Aepplis Sammelwut hat jedoch ihre Grenzen. «Wenn ich irgendwann etwas Neues anfange, dann Kurzgeschichten schreiben.» Hinter der viel zu grossen Brille blitzen seine Augen schelmisch hervor. Er hat bereits ein paar lustige Geschichten auf Lager.

 

 

Quelle: Facts (Schweizer Wochenmagazin) , 30/95 (27. Juli 1995), S. 108

 

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The Ultimate Guide  von Felix Aeppli

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