«Saletti zäme» sagte noch keiner, damals in den Sixties. Dafür war «Salut les copains» en vogue, die Pop-Kultsendung auf «Europe 1», auf der pfeifenden Langwelle. Sonntagabends delektierte sich die juvenile Elite an Radio Luxemburg und der Hitparade. Wer vor 1955 geboren worden ist, hat all das noch im Ohr, wie Doktor phil. Felix Aeppli, Historiker, Anglist, Lehrer, ewiger Fan des Fussballklubs Manchester United, Co-Autor eines Leitwerkes über den Schweizer Film und vor allem bester Zürcher «Rolling Stones»-Chronist auf dem Globus. Aeppli will nämlich alles wissen über die Karriere der rollenden Steine. Nicht erst seit dem berüchtigten 1967er Gig im Zürcher «Hallenstadion», wo er fast nichts sah, weil er seine erste Brille aus Eitelkeit nicht aufsetzen mochte.
Ein Sammler ist Aeppli von Kindesbeinen an. Fussballbildchen, Bierdeckel, Briefmarken, Zündholzschächtelchen, Orangenpapierchen wurden archiviert, und die Zuckerbeutelkollektion brachte es sogar ins Guinness-Book of Records. «Aufs Sammeln habe ich mich eingelassen, um nicht mehr von den Leuten im Stich gelassen zu werden», sagt der Vielschaffer, und ein Blick in seine Biographie verrät, was das bedeutet. Die Gebrüder Aeppli lebten mit den Eltern, beide Bankangestellte, im Zürcher Vorort Kloten. Dort wurde eben der Flughafen gebaut, es ging aufwärts. Als sich die Eltern scheiden liessen, blieb ein Sohn bei der Mutter, Felix beim Vater. 1960 erlag Aeppli senior einem unheilbaren Leiden, und die Junioren kamen ins Waisenhaus «Sonnenberg» im vornehmen Züriberg-Quartier. Dort gab es für den angefressenen «Betonkicker» Felix einen Fussballplatz und dank dem externen Schulbesuch spannende Kontakte. Es sei eine gute Zeit gewesen, meint Aeppli, «denn ich war das Aushängeschild. Im Heim war man stolz, dass einer ins Gymi ging, und im Gymi konnten sie einen aus dem Waisenhaus vorzeigen.»
Passte ganz gut zum Geist der sechziger Jahre, wo eh alles im Umbruch war: «Plötzlich gab es T-Shirts, Farbfernsehen, kreative Bands wie die Stones oder die Beatles, die alle paar Wochen neue Hits schrieben.» Sie waren für Felix die Tickets to ride, mit Volldampf hinein ins Musiknirwana. Zur Konfirmation wünschte sich der Jüngling schlitzohrig ein Velo, kaufte aber mit den Batzen ein Spulentonband Marke Grundig. Und das Selbstverdiente investierte er in einen Lenco-Plattenspieler, «das einzige Instrument, das ich je spielte». Die Platten der solventen Kollegen wurden mitgeschnitten, trotz einem Schönheitsfehler: «Jahre später merkte ich erst, dass der linke Kanal meines Plattenspielers defekt war. Das war hart, denn ich hatte die Stones-LP Between the Buttons falsch aufgenommen.» Für den Perfektionisten muss das ein Alptraum gewesen sein, denn er sagt: «Ich will mit meiner Arbeit immer bei den fünf Besten sein, orientiere mich an der Weltspitze. In Sachen Schweizer Film allerdings war die dünn.»
Klar, aber das Bonmot zeigt, dass Aeppli nicht nur den feinen Witz zelebriert, sondern auch hohe wissenschaftliche Ansprüche. Dissertiert hat er über den US-Präsidenten Thomas Jefferson, für seine Rock-Archäologie opfert er unbezahlt rund einen Viertel der Arbeitszeit. Warum? «Die Stones sind ein Exempel für 33 Jahre Geschichte. Sie stehen für die westlich dominierte kulturelle und wirtschaftliche Durchdringung der Welt. Die Band hat sämtliche politischen Erdrutsche überlebt.» Wohl wahr. Und was nun buchgebunden auf den Markt kommt, ist ein Eckpfeiler für die Beweisführung: «The Rolling Stones 1962-1995. The Ultimate Guide to Their Career in Recordings, Performances, Films and Solo Pursuits.» Das Werk ist ein Datensteinbruch, aepplihaft verlässlich mit allem, was ergraute Steintreue und jungsteinige Aficionados immer über die professionellen Stationen von Jagger und den Seinen wissen wollten und nie zu fragen wagten.
Fraglos weiss Aeppli mehr über die musikalischen Kreuzzüge seiner Objekte der Forscherbegierde als sie selber. Mit dem Stones-Ex-Bassisten und -Hauschronisten Bill Wyman hat Felix darüber schon korrespondiert, den Ex-Gitarrero Mick Taylor traf er in Wien, und mit dem verstorbenen Grundstein Ian «Stu» Stewart parlierte er in einem Londoner Pub. Mick Jagger, so verbürgt es ein Video, blätterte in einer TV-Show gar in einer früheren Ausgabe von Aepplis Buch. Privat kennenlernen will er die Rockheroen aber nicht unbedingt. «Das wäre nicht meine Welt, und wenn die mich auf eine Party mitschleppen würden, wäre das ein Horror!» Aeppli ist eben keiner, der um Wohlwollen und Lob buhlt, obwohl es ihn schon freuen würde, wenn das Stones-Management sein Werk zur Kenntnis nehmen würde. Mehr noch aber will er sein Wissen weitergeben, Ordnung ins Phänomen Rolling Stones bringen, alles erfassen, wissend, dass das eine Illusion ist. Besuche von Stones-Auftritten gönnt sich der scharfe Beobachter aus Prinzip nur alte zehn Jahre einen. Ausser 1995 in Basel: «Da ging ich zweimal hin und muss sagen, die haben das ganz gut gemacht.»
Ist einer wie Felix Aeppli nicht genau der schrullige Kauz, für den man ihn halten könnte? Nein. Als sensibler Zeitgenosse wirkt er nämlich um so sympathischer, je näher man an ihn herankommt. Weil man spürt, dass hinter seiner beherzten Leidenschaft auch eine Portion leidende Erfahrung steckt. Die Seelenmitte hat Doktor Aeppli erst vor zehn Jahren, nach einer ernsten Krankheit gefunden: «Das war ein Schuss vor den Bug. Ich habe damals mein Alleinsiedlertum aufgegeben, meine Frau, die Juristin Barbara, gefunden und nun die zwei Kinder, die ich mir immer gewünscht hatte.» Tochter Meret ist 1989 geboren, Sohn Basil 1994, und beide halten den Daddy voll in Trab, zum Ausspannen bleibt wenig Zeit.
Soundmässig sind bei Aepplis nicht die Stones Trumpf, sondern Bob Dylan oder Klavierkonzerte von Mozart. Und in einem Buch liest der Stones-Fahnder nur so lange, bis ihn ein gut geschriebener Satz «umhaut», ihn, den eigenwilligen Typen, den blendender Causeur, der irgendwie an Woody Allen erinnert. Leute wie Aeppli, mit dem Mut zum Blick zurück und der Courage für die Zukunft, braucht es in der narzisstischen Raver-Ära ganz besonders. Wie sagte Keith Richards unbescheiden richtig? «You've got the sun, you've got the moon and you've got the Rolling Stones.» Und in Zürich gibt es Felix Aeppli, der festhält, was damit gemeint ist.
Quelle: Bonus (Beilage zum Zürcher Tages-Anzeiger), Nr. 93, Okt. 1996, S.16f.
Links
The Ultimate Guide to The Rolling Stones
"Felix Aeppli - Er kennt die Stones wie seine Hosentasche", Portrait (1995)
Felix Aepplis Dokumentation Schweizer Film und Film in der Schweiz
Manchester United on Video
Bob Dylan's Unofficial Catalogue
E-mail an Felix Aeppli